Ländliches Leben in Nordschwaben dargestellt in drei Museen
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Ausstellung "1050-jähriges Mertingen"

vom 27. September, 06. /13. /20. und 27. Oktober 2019

Mertingen hat Geburtstag und feiert den 1050. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Nicht mit Mittelalterfest, Jahrmarkt oder Kinderhüpfburg, nicht mit Bratwurst oder Fassbier sondern mit einen „Gang durch die Geschichte“. Die reiche Ortsgeschichte jedenfalls eignet sich bestens für einen „geschichtsträchtigen Bummel“.

Zu diesem Anlass erinnern die Museumsfreunde Mertingen mit dieser Ausstellung in der "Alten Schule" an dieses historische Ereignis.

Zu sehen gibt es dazu ab sofort eine Ausstellung unter der provokanten Überschrift „Versunken in Geschichtslosigkeit?“. Darin wird auf großen Bildtafeln und themenbezogenen Stelen („die schöne Mertingerin“) und etlichen Exponaten die über 1000-jährige Ortsgeschichte erzählt.

Mertingen – oder besser „Mardinga“ – fand im Jahre 989 in der ältesten im Original erhaltenen Augsburger Bischofsurkunde Erwähnung. Bischof Ulrich von Augsburg, ein Sohn des Gaugrafen Hubald von Dillingen, seit 924 Bischof von Augsburg, das er vor den Ungarn rettete, beurkundete eine Stiftung für das Kloster St. Stephan. Und ein Gutsherr namens Liuto spendete dem neugegründeten Kanonissenstift St. Stephan drei Huben.Ein Faustkeil weist in die Altsteinzeit

Mardinga ist aber viel älter. Ein Faustkeil weist in die Altsteinzeit, Keltengräber sind noch sichtbar, und natürlich die Römerkastelle auf dem Burgberg, dem Bergspitz über der Schmutter am Endpunkt der Via Claudia an der Kreuzung mit der Donausüdtalstraße. Das erste vermutlich noch zur Zeit von Kaiser Augustus, dann 46/47 nach Christus zur Sicherung des Limes, und im 2. Jahrhundert später das feste Fort. Dazu ein Dorf mit Handwerkern und Bauern, Alamanen – und später Merowinger. In Reihengräbern wurden typischer (Fibel) Schmuck und Waffen gefunden. Die Herkunft des Namens ist unklar. Möglicherweise steht ein „Mardo“ Pate, oder auch Kirchenpatron St. Martin, auch ist die heutige Schreibweise erst ab dem 18. Jahrhundert bekannt.

Aber nicht nur der Hauptort Mertingen, auch die Ortsteile Druisheim und Heißesheim können stolz auf eine vielhundertjährige Geschichte zurückblicken: Um 600 soll ein Trowin von der Urmark Mertingen aus Trowinsheim gegründet haben. Die Besiedlung erfolgte wohl später von der Tuerenberc auf dem Burgberg. Und auch Heißesheim wird urkundlich um 1023 bis 1140 dokumentiert.

In der Urpfarrei Mertingen besaßen unterschiedliche Herrschaften jahrhundertelang Lehen: durch die Pappenheimer Reichsgrafen das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, durch die Fugger das Herzogtum Bayern, ferner geistliche Grundherrschaften wie das Domkapitel Augsburg und Klöster (Maria Stern in Augsburg, Hl. Kreuz in Donauwörth, Kloster Kaisheim). Und an alle mussten Steuern (der Zehent) abgeführt werden.

Sechs Menschen an einem Tag geköpft

Im Spätmittelalter war Mertingen Sitz eines Hoch- und Niedergerichts, also Hauptort der Reichspflege Werd. Auf dem Richtplatz am „Galgen“ wurden Verurteilte hingerichtet. So köpfte der Scharfrichter am 2. Mai 1772 in einer Stunde sechs Zigeuner.

Das späte Mittelalter war aber auch eine sehr unruhige Zeit mit Kriegen und Fehden. Der Kaiser schwach, Adel, Stände und Städte wollten Macht oder Unabhängigkeit. Die Region, die von jeher durch ihre Lage als Aufmarsch- oder Durchzugsgebiet hoch gefährdet war, erlebte immer wieder Verwüstungen.

In einen großen Streit geriet Mertingen 1422, als Donauwörth dem Bayernherzog Ludwig dem Gebarteten abgenommen und für reichsfrei erklärt wurde. 1458 wurde durch den Erben Ludwig der Reiche Mertingen besetzt, das Land geplündert und 1462 neben Genderkingen und Nordendorf zerstört. Der Schmalkaldische Krieg 1546/47 brachte Not und Leid, doch der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) brachte die grausamsten Auseinandersetzungen und schier unvorstellbare Not. Blutige Schlachten wurden 1632 und 1646 in Rain, 1634 am Albuch bei Nördlingen, 1645 bei Alerheim und 1648 bei Zusmarshausen geschlagen. Am Ende 1648 war Druisheim völlig zerstört, ebenso Heißesheim, von Mertingen standen noch ein paar Häuser.

Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) gab es die Schlachten am Schellenberg und bei Höchstädt. Verwüstungen, Zerstörungen und Plünderungen brachten auch die Feldzüge Napoleons (1796-1806).

In dieser unruhigen Zeit aber wurde in Mertingen von dem Wessobrunner Josef Schmuzer eine neue Kirche (1727) gebaut, in Druisheim, nach der Zerstörung von den Fuggern an Kloster Holzen verkauft, von Äbtissin Maria Benedikta von Remching 1732 eine Kirche erbaut, die vom bedeutensten süddeutschen Freskanten, Matthäus Günther, ausgeziert wurde, von den Bewohnerns selbst 1749 die Kapelle erneuert, und in Heißesheim bereits 1680 die zerstörte Kirche von 1491 neu und groß aufgebaut.

Mertingen zahlte Blutzoll

Mertingen und seine Ortsteile zahlten ihren Blutzoll in den beiden Weltkriegen. Im Zweiten waren auch zivile Opfer zu beklagen. 1946 kam dann der erste Zug der aus dem Sudentenland Vertriebenen an. Insgesamt hat die Gemeinde 800 Heimatvertriebene aufgenommen.

Mertingen, eine stetig wachsende Gemeinde mit mittlerweile 4100 Einwohnern, hat längstens den Weg vom Bauerndorf zur Industriegemeinde zurückgelegt – auch wenn es ein langer Weg war. 1845 begann, mit torfbeheizten Lokomotiven, der industriell organisierte Abbau von Torf in Mertingen und Heißesheim. Einen Bahnhalt in Mertingen an der ab November 1844 zwischen Augsburg und Nordheim befahrenen Strecke gab es ab 1872, das „Zügle“ nach Wertingen ab 1905. Die Menschen kümmerten sich um ihre Gemeinwesen, so wurden 1870 in Mertingen, 1879 in Druisheim, 1912 in Heißesheim Feuerwehren gegründet, neue Schulhäuser erbaut. Die Elektrifizierung ließ sich Zeit: Erst am 27. Februar 1919 gab es das erste elektrische Licht in Mertingen, gering später in Druisheim. Die ersten Mäh- und Dreschmaschinen wurden angeschafft (1920), die ersten Automobile verkehrten, die ersten Rundfunkgeräte brachten Nachrichten aus der Großen Welt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß es von neuem beginnen. Das überwiegend bäuerlich strukturierte Dorf Mertingen zählte 1950 zwar fast 2300 Einwohner, doch der Haushalt der Gemeinde war mit 72.520 Mark recht bescheiden; das Gewerbesteueraufkommen betrug 3.984 Mark.

In den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts begann Deutschland, sich vom Krieg zu erholen; das Jahrzehnt des „Wirtschaftswunders“ brachte die soziale Marktwirtschaft. Das Ziel hieß „Wohlstand für alle“.

Die Menschen feierten auch wieder – beim Kreiserntedankfest in 1951 kam sogar der erste Landwirtschaftsminister der jungen Bundesrepublik Deutschland, Professor Dr. Wilhelm Niklas. Und ein ganz wichtiges Datum für Mertingen war das Jahr 1953, in dem Georg Balthasar Reiter mit Frieda Maria Ruppert getraut wurde. Damit begann der Aufstieg des Familienunternehmens Zott, dem Mertingen viel verdankt. Lieferten 1953 noch 168 Bauern aus Mertingen, Druisheim und Heißesheim ihre Milch in die damals kleine Molkerei in der Ortsmitte, hat sich diese Zahl vor Ort sehr vermindert, das Einzugsgebiet dagegen ist riesig gewachsen. Aus der Dorfmolkerei ist ein international agierendes Unternehmen geworden.

Mertingen ist auch stolz auf eine Vielzahl von Unternehmen – im ehemaligen Bauerndorf gibt es mittlerweile 3100 Arbeitsplätze. Daneben hat sich der Ort auch, was die „weichen Standortfaktoren betrifft, gemausert. Zudem blüht das Vereinsleben und kulturelle Angebote locken Besucher von weit her an. Mertingen widmet sich nicht nur seiner Vergangenheit – der Blick ist weit in die Zukunft gerichtet, mit alternativen Fernwärmenetzen, mit Ladesäulen für Elektroautos, Anstrengungen fürs Internet. Nicht zu vergessen die Sorge um die klimatische Zukunft – Mertingen zählt sich zu umweltbewussten Gemeinden, will auch künftig in vielen Bereichen unter den ersten sein.